
Solidarität im Wirtschaften
Assoziativ und kooperativ Wirtschaften
Nachdem der Raubtierkapitalismus, getrieben durch Profitgier und Konkurrenzkampf, seinen Höhepunkt überschritten hat, denken heute die unterschiedlichsten Kreise darüber nach, wie man zu einem zukunftsträchtigen Kapitalverständnis kommen kann, das seine Quelle in den menschlichen Fähigkeiten und sein Ziel in der Befriedigung unserer wirklichen Bedürfnisse hat.
Statt Konkurrenzkampf, der immer sichtbarer zur Zerstörung von Arbeitsplätzen, Menschenleben und Natur führt, Kooperation in Assoziationen, in denen sach- und preisgerechte Verträge die ressourcenschonende, nachhaltige Zusammenarbeit ermöglichen. Voraussetzungen dazu sind:
- Eine dem Gemeinwohl verpflichtete Eigentumsordnung (s. Grundgesetz) an Produktionsmitteln wie auch an Grund und Boden. Produktionsmittel werden unverkäuflich und gehen, wenn der Eigentümer die Mitarbeit einstellt, an die Gemeinschaft über, die sie an Befähigte weiterleitet.
- Arbeitskraft ist keine Ware. Sie wird in Verträgen auf gleicher Augenhöhe und demokratisch geregelten Bedingungen (z.B. Mindestlohn) ausgehandelt.
- Ein Geldsystem, das auf realer Wertschöpfung statt auf Geldschöpfung und Spekulation basiert. R. Steiner unterschied drei verschiedene Geldformen:- Kaufgeld, das 1:1 den Waren- und Wertetausch reguliert.- Leihgeld, das durch einen höheren Freiheitsgrad und Risiko Innovationen ermöglicht. Schenkungsgeld, mit dem höchsten Freiheitsgrad, das Erziehung, Bildung und ein staatsfreies Kulturleben ermöglicht.
Im Unternehmen wirken die geistige Unternehmerfreiheit, die vertragliche Arbeitsregelung und die Kapitalebene real zusammen.
Michael Wilhelmi
Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben
Der Begriff der Brüderlichkeit ist hier nicht als geschlechtsspezifischer Begriff zu verstehen, sondern als Seelenhaltung. Diese ist ungeschlechtlich und betrifft alle Menschen. Vielleicht verkürzt umschrieben mit: Sorge um seinen Nächsten.
„Brüderlichkeit ist eine Fähigkeit. Sie bezeichnet die Fähigkeit, sich der Not eines anderen Menschen ganz zuzuwenden, um diese zu lindern oder gar aufzuheben ohne einen eigenen Nutzen daraus zu ziehen.
Brüderlichkeit wird heute immer häufiger mit Geschwisterlichkeit ausget
Die „Geschwisterlichkeit“ gehört in die Rechtssphäre, denn dort begegnen sich die Menschenschwestern und Men
Die wahre „Schwesterlichkeit“ webt dagegen im freien Geistesleben, als die „weibliche Kraft“, als Zartheit des Geistes, in seiner machtvollen „Schwäche“. Das aber heißt in seiner unüberwindlichen Stärke“ (Rainer Schnurre)
Die kürzeste Erklärung, was Wirtschaften bedeutet, wozu es gut ist: Wirtschaften bedeutet gegenseitige Bedürfnisbefriedigung.
Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben ermöglicht durch „Assoziationen“ (Verbindungen von Erzeuger- und Bedarfs – Gemeinschaften, meist zuerst regional gedacht) von Verbrauchern, Händlern und Produzenten in einem freien Markt bedarfsgerechte Preise, sowie eine bedarfsgerechte Güterverteilung.
Die Preisbildung von Waren, also wie viel ein Produkt kostet, ist eine unmittelbar soziale Frage. Fehler in der Preisbildung führen sofort zu sozialen Verwerfungen. Der Preis wird von den Menschen in den Assoziationen in der gegenseitigen Wahrnehmung der Bedürfnisse festgelegt und ggf. neu verhandelt. Die Frage der Wirtschaft heute ist: „Was bekomme ich maximal dafür?“, die Frage der brüderlichen Wirtschaft ist: „Was brauchst du?“
Aufgabe des Rechtslebens wäre es, den dazu erforderlichen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, der Privateigentum an Produktionsmitteln und Kapital nicht enteignet oder verstaatlicht, sondern in Treuhandeigentum transformiert. Ein auf diese Weise neutralisiertes Kapital kann weder verkauft, noch vererbt, sondern nur in einer Art Schenkung oder besser noch Nutznießung an neue Nutzer und Pfleger/Hüter übertragen werden. Es bedeutet, das Kapital steht den Menschen zur Verfügung und zur Verwaltung, die damit Wirtschaften zum wohl der Allgemeinheit.
„Das Eigentum hört auf, dasjenige zu sein, was es bis jetzt gewesen ist. Und es wird nicht zurückgeführt zu einer überwundenen Form, wie sie das Gemeineigentum darstellen würde, sondern es wird fortgeführt zu etwas völlig Neuem.“
Dadurch wäre es kapitalistischem Missbrauch durch gewinnmaximierenden Weiterverkauf oder Börsenspekulation entzogen. Andererseits wäre die Freiheit zu bedarfsgerechtem Wirtschaften am Gemeinwohl orientierter Unternehmer und die Sozialbindung des Kapitals gesichert.
Neben die Umwandlung des alten Eigentumbegriffs hinsichtlich der Produktionsmittel, tritt die Grundüberzeugung, dass Arbeit nicht bezahlbar ist, mithin nicht gekauft werden kann. Der Warencharakter der menschlichen Arbeit ist nach Ansicht Steiners eine Restform der Sklaverei, deren vollständige Überwindung erst mit der Abschaffung des Lohnprinzips gegeben ist. Einkommen muß entkoppelt werden von der Arbeitsleistung. Innerhalb eines Betriebes entfallen durch die Neutralisierung des Kapitals die klassischen Rollen des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Steiner schlug als eine neue Möglichkeit der Benennung die Begriffe Arbeitleister und Arbeitleiter vor. Diese stehen in einem Vertragsverhältnis:
„Und dieses Verhältnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (beziehungsweise Geld) für Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen.“
„Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.“
Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben bedeutet ein vollständiges Umdenken eines jeden Menschen. Jedes wirtschaftliche Handeln hat soziale Auswirkungen. Erst wenn wir mit der richtigen Einstellung herangehen und das Bedürfnis des Mitmenschen erfragen anstatt zu überlegen, was ich davon habe, was ich dafür maximal bekommen kann, können wir erahnen, was Rudolf Steiner mit Brüderlichkeit gemeint hat.
„Bedürfnisse“ sind auch neu zu denken, denn es geht nun nicht mehr darum, künstliche Bedürfnisse in den Menschen zu „wecken“ (Kapitalismus funktioniert mit seiner Predigt nach ewigem Wachstum nur, wenn man endlos Bedürfnisse produziert und Unersättlichkeit voraussetzt), sondern sich an seinen natürlichen Bedürfnissen zu orientieren.
Auch die von Steiner angeregten „Assoziationen“ lassen sich nicht einfach mit „Genossenschaften“ übersetzen. Denn wenn anstatt eines brüderlichen Miteinanders (und Füreinanders) in der gemeinsamen Sorge nur ein „Gruppenegoismus“ entsteht, kommen wir nicht in eine neue Sozialgestalt unserer Mitmenschlickeit.
Markus Schwarz